Rückblick auf die vergangenen 18 Monate

Es gibt Phasen im Leben, in denen man die bestehende Situation verändern muss, zumal sie einen zu sehr belastet, einen Großteil der Lebensfreude nimmt. Das war 2010 bei dem Klarinettisten‚ Saxophonisten und Bandleader der Flat Foot Stompers, Peter Bühr, der Fall.
Foto: Richard Mack

Fast vier Jahrzehnte musizierte er mit großem Engagement, viel Freude und enorm viel Einsatzbereitschaft mit den Flat Foot Stompers. Sie bildeten auch jahrelang den Rahmen der von Peter Bühr ins Leben gerufenen Rems-Murr-Jazztage‚ zu denen insgesamt an die hundert amerikanische Größen des swingenden Jazz eingeladen wurden. Diese Festivals präsentierten Jazzstars, die neben eingefleischten Jazzfans auch ein neues Publikum mit dem swingenden Jazz bekannt machten und so mancher Oldtime Jazzband im Südwesten Deutschlands viele Anregungen gaben.

Es fiel dem Endsechziger Peter Bühr nach all den wunderbaren Erlebnissen und großen Erfolgen nicht leicht, sich im Sommer 2011 von den Flat Foot Stompers zu verabschieden, aber die musikalischen Vorstellungen der Bandmitglieder drifteten immer weiter auseinander. Einige der Amateurmusiker konnten den gewünschten Schritt einer Weiterentwicklung nicht machen und es kriselte auch heftig in den menschlichen Beziehungen.

Der Zufall wollte es, dass sich Peter Bühr nicht vom Musikmachen verabschiedete, sondern mit Begeisterung erneut durchstartete. Er erzählt: „Ich machte mit meinem Hund einen Spaziergang auf der Schwaneninsel in Waiblingen und traf dort den Trompeter Andy Lawrence. Er fragte mich gleich, was ich denn nun vorhätte, nachdem ich mich von den Flat Foot Stompers verabschiedet hätte. Ich antwortete, dass ich vermutlich aufhören würde Musik zu machen. Andy sagte mit Bestimmtheit: ‚Du hörst nicht auf ich spiele Trompete bei dir!’

Das war der Beginn einer neuen Band.

Von den altbewährten Flat Foot Stompers wollten vier mit mir weitermachen, zwei zeigten kein Interesse. Dafür kam dann Thomas Oehme zu uns, ein sehr guter Posaunist, der bestens vom Blatt lesen kann, ein beachtliches Jazzfeeling besitzt und über Banderfahrung verfügte, zudem der Gitarrist Peter Starkmann‚ der im Stil von Charlie Christian als auch in dem von Django Reinhardt spielen kann und außerdem die Fähigkeit besitzt, swingende Rhythmusgitarre zu spielen.”

Um die Sicherheit zu haben, dass es mit den Flat Foot Stompers so weitergeht, ihm keines der früheren Bandmitglieder den Namen streitig machen würde, ließ sich Peter Bühr beim Patentamt in München den Namen „Flat Foot Stompers" sichern. Um sich von der ehemaligen Band zu unterscheiden, wurde der Name von Peter Bühr, der sich durch seinen jahrelangen Einsatz im Großraum Stuttgart und weit darüber hinaus,bekannt und beliebt gemacht hat, dazugefügt. Peter Bühr and his Flat Foot Stompers probten gleich mit viel Freude Arrangements, die die alte Formation nicht spielen konnte. „Arrangements, die ich von Bill Allred bekam, von Randy Sandke, Dan Barrett, Bob Haggart und Johnny Varro. Auch Andy Lawrence erkannte die Möglichkeiten dieser neuen Band und schrieb Arrangement auf Arrangement, eines besser als das andere, u. a. von ,Ma cherie’, ‚Puttin’ on the Ritz’‚ ,Anything goes’, ,Stumblin’, ‚Shake it and break it’ und auch ‚At the jazzband ball’ das auf einerAufnahme basiert, die Louis Armstrong mit Bing Crosby für Capitol Records aufgenommen hat, musikalisch geleitet von Billy May mit dem ich befreundet war.

Wir spielen viele Arrangements aus der Feder von Andy aber ebenso viele warten noch darauf gespielt zu werden, etwa seine Arrangements von ‚Oh Miss Hannaf ‚Heebie jeebies’ ‚If l had my way’ und ,Lullaby of Broadway’. Da Andy unsere zufällige Begegnung auf der Schwaneninsel in Waiblingen als gutes Omen betrachtet, komponierte er den ,Swan Island Rag‘ danach noch Stücke wie den ‚Soprano strut’ und ‚Here we go again’. Weitere seiner Arrangements, sowohl lyrische als auch up-tempo haben wir im Programm und sie sind alle sehr musikalisch und interessant gestaltet.”

Zum Titelstück der neuen CD wurde „Here we go again” bestimmt, was die Erneuerung, Verbesserung und die Freude am Neustart ausdrückt. Das Album ist ein erfreuliches Zeugnis dafür wie sich auch altgediente Bands noch nach Jahrzehnten auf eine höhere Leistungsstufe zu hieven vermögen, neue Begeisterung spürbar werden lassen und noch mehr für die Zukunft versprechen.

Die Begegnungen mit über mehr als 100 amerikanischen Topmusikern im Rahmen der Rems-Murr-Jazztage stießen bei Peter Bühr, der damals noch ein Geschäft für Baurenovierung betrieb, viele Impulse an weiter zu lernen, immer besser zu musizieren. Doch Peter Bühr sagt bescheiden: „Ich nahm auch bei solchen Begegnungen viel wahr, was ich gerne gelernt hätte, aber mir nicht möglich war. Ich verfüge nicht über solche genialenFähigkeiten, wie diese Größen der amerikanischen Jazzszene. Leider leben die meisten von ihnen nicht mehr. Ich halte jedoch zu denen, die noch unter uns, sind Kontakt.” Im Winter spielte er mit dem 83-jährigen Pianisten Johnny Varro in Florida. Und es ist ihm auch ein Anliegen, dass der großartige, flexible Pianist regelmäßig in Deutschland gastieren kann. Er stieß beispielsweise auch die Tournee der Johnny Varro Swing Seven vor einem Jahr in Deutschland und der Schweiz an. Sie wurde dann von dem Schlagzeuger Bernard Flegar durchgeführt, der Varro mit dem Trompeter Randy Sandke koppelte, aber die meisten anderen Musiker aus Europa rekrutierte. Varro konzipierte für seine Swing Seven großartige Arrangements, die den Geist der Großen des Jazz von einst atmen, aber auf die heutige Zeit zugeschnitten wurden. Und einige davon spielen jetzt auch die Flat Foot Stompers, etwa ,Avalon’‚ ,Margie’‚ ,Chicago’ und ,One morning in May’.

Am Ende der Europatournee mit seiner Swing Seven, die Varro hör- und sichtbar glücklich machte, nahm sich Peter Bühr des Pianisten an und regelte alles für seinen Abflug. Und da überraschte Johnny seinen Freund Peter mit einem besonderen Geschenk: Er gab ihm ein speziell gefertigtes swingendes Arrangement des deutschen Evergreens ,Wenn der weiße Flieder wieder blüht’.

„Er erlaubte sich sogar stellenweise die Harmonien jazziger zu verändern, wie man auf unserer neuen CD hören kann. Bei Varro steht der Swing im Vordergrund, aber er spielt seine verschiedensten Talente in der Musik aus. So sind die Arrangements, die er mit Warren Vache, Harry Allen, Nicki Parrott und Chuck Riggs für die CD ‚Speak Low’ aufnahm, moderner als die Bearbeitungen bekannter Standards für seine Swing Seven. Wir haben mit Varro übrigens auch drei Konzerte gegeben mit der Musik der ‚Speak Low’-CD. Ich blies dabei Tenorsaxophon‚ Andy Lawrence Trompete und Flügelhorn‚ Helmut Siegle spielte Bass und Will Lindfors Schlagzeug.”

Aus Peter Bührs Worten ist die Begeisterung zu spüren, mit der die Musiker der „neugeborenen“ Flat Foot Stompers ans Werk gehen. Jede Woche wird geprobt, dabei werden drei bis vier neue Arrangements, zuerst ohne Piano und Drums, einstudiert. Erst die dritte oder vierte Probe ist eine Gesamtprobe für alle Mitglieder der Band und dann erst kommt das Publikum in den Genuss der neuen Stücke. In den Arrangements von Andy Lawrence ist der Freiraum für die Musiker recht groß, sie sind zum Teil nicht ganz so einfach zu bewältigen, aber die Flat Foot Stompers nehmen sich die Zeit dafür bis sie sich damit wohl fühlen, so dass die Musik relaxed klingt. lhr Repertoire umfasst sogar 24 Arrangements von Weihnachtsliedern, die Andy Lawrence arrangierte, und die in der Weihnachtszeit 2012 in neun Konzerten das Publikum entzückten.

Peter Bühr fasst zusammen: „So entwickelt sich das, was uns Benny Goodman, Duke Ellington, Sidney Bechet oder auch John Kirby in ihrer Musik vorgaben, immer mehr zu unserer eigenen Musik.”

Jazz Podium 04/2013
Text: Gudrun Endress